Texte

Mit dem Hund

Gehen, um Ideen zu finden, am Fluß gehen, der Hund vor mir oder hinter mir, die Schiffe auf dem brackigen Wasser, voll­­­be­setzt zu dieser Zeit, und die Stim­men der Reisefüh­rer, von Laut­sprechern ver­­stärkt. Gehen bis zur Hansabrücke, so­dann zu­rück zum Wul­len­­­we­ber­­steg und der Niederlas­sung von VW auf der Frank­­­­­lin­stra­ße, dort die Brücke überqueren …
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Der Gang durchs Tor

Stabhochspringer sein, unsichtbares Wesen oder fliegen kön­nen die kurze Strecke, den Händen der Engel zu, den Unan­sprech­ba­ren da über der Stadt. Wür­den sie hohnlachen, ihre Kräfte ein­­ziehen, entsetzt auffahren, oder verführte sie der lin­ki­sche Vor­­­stoß, Un­terstützung zu gewähren, eine den Blicken der Fas­sungslosen ent­ge­hen­de, das Hin­der­nis leicht wie eine Fe­der über­­­win­­den­de, doch wie die Spuren der Engel lesen und wo, nach welchem Alphabet. weiterlesen

Auf der Karl–Marx–Allee

In einem der monumentalen Gebäude Hermann Henselmanns zwi­schen Strauß­berger Platz und Frankfurter Tor ist im Par­ter­re eine Spar­kasse un­ter­­gebracht, deren Bankautomaten auch an Feiertagen zu­gäng­lich sind. Gleicht die Atmosphäre im Inneren dieser Räu­me der jeder an­deren Sparkasse in West wie in Ost, so wirkt die Aura des berüchtigten Ortes, also Allee, Grünan­la­ge und Bank­logo wie ein Zeit­sprung, den niemand begreift. Zwei Er­fah­rungs­blö­cke stoßen auf­ein­an­der und verharren in un­über­brück­barer Feindschaft, das Damals und das Heute. Vor Jahren noch fan­den hier zu er­stem Mai und siebtem Oktober Um­züge statt, kämpften, allerdings noch weiter zurück in der Ge­schich­te, 1953 Ar­bei­ter für bes­sere Entlohnung und mensch­­liche Norm; auch Panzer hatte es hier gegeben und al­ler­lei mi­li­tä­risches Gerät nicht nur an den Feiertagen. Daß er auf der Karl–Marx–Allee einmal mit seiner Eurokarte Geld zie­hen be­zie­hungs­weise sich Kon­to­aus­züge ausdrucken lassen wür­­­de, verwundert T. sehr, so etwas hatte er sich bisher in seinen kühn­­­sten Träu­men nicht vorstellen kön­nen. Nach­dem er die Kas­­se betreten hatte, es war Ostern 2017, ver­meldet ihm ein Kon­toaus­zug den überraschenden Eingang einer Sum­me, an die er schlicht vergessen hatte.

Bleib

“Aber ja, sie ist es. Es ist deine Zelle …”

Träume ich? Spricht da jemand? Erschrocken hebt Tul­mer den Kopf. Er spürt, wie ihm heiß wird, und dann diese Schwere, ei­n Druck, als um­klam­mere ihn etwas und presse fei­ne Nadeln auf Arme und Brust. Nein, unmög­lich! Aber das Pochen im Hals? Eine Täu­­­schung, nichts wei­ter, da ist nichts… Lang­sam wende­t er sich zur Tür. Und doch! Jemand muß mir auf den Gän­gen ge­folgt sein, je­mand, der sich hier aus­kennt im Bau … und mich be­obachtet … von ir­gend­wo, aus den Zellen auf der anderen Sei­te des Gangs. Weiterlesen

Neue Menschen

Auf meinem Hotelzimmer, das auf die Hinterhöfe der Altstadt ging, dachte ich an die Be­geg­nung mit Anna und Wolf im Café am Domplatz, ich dachte auch an die Worte des Wirts, die mich wütend gemacht hatten. Und schließlich an den Traum, den ich vor zwei Tagen noch zu­hau­se geträumt hatte und den ich jetzt doch er­zählen mußte. Wenn aber, überlegte ich, das Ver­gan­ge­ne und jüngst Vergangene beiseite geschoben wird wie von An­na und Wolf, hat das nicht Fol­gen für die Zu­kunft? Kann es über­­haupt, fragte ich mich, freie Men­­schen geben, voll­kom­me­ne freie Men­schen, die ande­ren ebenso so frei begeg­nen? Weiterlesen:

La malvolta

Den Abend über hatte er Angenehmes ge­sagt, wohl flie­ßen­de, sich anschmiegende Worte, und sie geschickt auf meine Ge­hör­­gänge ge­träu­­­felt, ab­ge­wo­gen, leidenschaftlich nicht gerade, aber unverbindlich auch nicht. Wir sa­ßen an der Bar, Lothar Kar­berg und ich und tran­ken Wodka, und ich vermutete, wa­rum, weiß ich nicht, daß es seine Absicht war, mich unter den Tisch zu trin­ken. Weiterlesen:

Neutöner

Von seinem Platz aus verfolgt T. das Tun der Musiker vor dem Keyboard. Sie hören, beratschlagen und wägen ab, sie schütteln gelegentlich die Köpfe oder lachen sich erleichtert zu. Wenn einer der beiden eine Melodie vorgibt und dazu den Rhythmus klopft, hört der andere zu. Er wird gleich, denkt T., nicken, vielleicht ein Ok, gut! äußern oder ein Na, klar!, um sodann das Gehörte nachzuspielen, und schließlich, wie bisher nach sol­chen Sequenzen, die Hände von den Tasten nehmen und den Blick des anderen suchen. Weiterlesen:

Stimmen, fern, kaum

Nach dem Höhenkamm diese eine Sekunde. Mit einem Mal ist T. hell­wach, als ob es etwas Neues gä­be hinter den blauen Wäl­dern, nie­mals Gese­he­nes, und seltsam erregt. Eine Zeit­sper­re, die ich passiere, eine Schleu­­se, denkt er. Obwohl, die Gren­­ze wird hier bald über­wach­sen sein, von beiden Sei­ten über­wu­chert und endlich ver­­schwun­den für im­mer. Die alte Gren­ze! Weiterlesen:

Anfänge

Klar war der Morgen und die Sonne noch hart bedrängt vom Schatten über dem Kopf­steinpfla­ster, aber schon voller Kraft an den nackten Kinderbeinen, als der Tod, wie aus un­erklärlichen Räu­men niederfahrend, an die Gesten der Menschen rührte und die bunte Frische er­starren ließ. Weiterlesen

Wie sie sind

Montag und Strecker reagierten sofort auf das merkwürdige Ge­­sche­hen, wäh­rend Vogler zu­nächst ruhig blieb und gelassen und versuchte, Informationen zu bekommen, Aufklärung ir­gend­­­einer Art. Ein warmer Augusttag war es, als plötzlich die Er­de zu beben schien, Fenster schlu­­gen und etwas Un­ge­­heu­er­liches geschah, eine unbe­schreib­­­li­che, völ­lig unbe­kann­te Kraft, die die Allee zu uns hin­aufrollte und vor sich her schob, was nicht niet und nagelfest war … Weiterlesen