Mit dem Hund

Jörg Sader

Mit dem Hunde

… dort die Brücke überqueren und zu­rück im Schat­­­ten der ho­hen, den Fluß säumenden Bäu­me, auf den Bän­­­ken Fuß­gän­ger, aus­ru­hen­de, essende, tele­fo­nie­ren­de, le­sen­de, auf­schau­end, wenn der Hund plötz­lich und wa­rum auch im­mer bellt, un­ver­mit­telt, als wollte er etwas mit­teilen, viel­leicht ist seine Spielfreude zu groß, vielleicht lang­weilt er sich?

Gehen, weil das Schreiben mißlingt und nicht in Gang kom­­men will, gehen als Beruhigung, als Trost über ausblei­bende Einfälle oder als Flucht vor der Leere, gehen auf Spä­te­res hin, als stellte sich dort auf nicht wunderbare Weise etwas ein, das große The­ma zum Bei­spiel, die Zuver­sicht, es wäre zu bewäl­ti­gen, und daß dabei Neues begin­ne, eine Phase inten­siven Schreibens, ein Ak­tiv­sein, das lange nicht war. Seltsam bei allem, daß sich die Gedanken ablenken lassen, in Dienst neh­men vom Üblichen des Weges, im Grunde ist Ge­hen nur gehen, kein Nachdenken oder Herausfinden, gar Prä­­­­­zi­sieren va­­­­­ger Ab­sich­ten, und so steht am Ende des We­ges mit dem be­schäftigten Hund nichts da, das zum Schreiben ein­la­den, es wenigstens in Gang setzen würde oder ein­fach not­wen­­dig ma­chen – es bleibt gehen im Äu­ßeren, ein Auf­schie­ben, viel­leicht sogar Aus­blen­den, Unter­drücken not­wen­diger Gedanken, ein Schau­en, das vor al­lem ein Ach­ten auf den Hund ist, ein Ver­bieten sei­nes freund­li­chen Ge­bells, ein ihm Halt Sagen an der Straße, die zu über­queren ist, ein ihn an die Leine Neh­­men in ge­fähr­lichen Si­tu­­a­tionen, ein Einge­spanntsein in all­täg­­­­­lich­e, nichts­sa­gende Din­ge, bloßes Ge­hen, nichts wei­ter.

So einfach ist diese Bewegung von A nach B oder von früher nach spä­ter, eine Bewegung am Fluß mit dem Hund, er mal vor, mal hinter mir, er in anderer Bewegung als ich, er ab­ge­lenkt, ich ab­gelenkt, er konzentriert auf die Spuren am Wege, ich auf den Weg, er, der stehen bleibt, schnüffelt, pinkelt, zu­rück­geht, er­neut riecht, ich dagegen in gleichbleibendem Tem­po, nicht ge­­­mächlich, nicht schnell, selten auf den Hund war­tend, der freu­dig hin­terher springt, wenn er zulange gestanden hat, und zü­gig auf­holt, mit Stöckchen oder ohne.

Bei Regen gehe ich schneller, schneller als der Hund, dem der Regen nichts aus­macht, der vielmehr so geht, als regne es gar nicht, im Grunde geht er immer so, ob es regnet oder nicht. Bei Zeit­druck gehe ich schneller, ob­wohl das selten der Fall ist, sehr sel­ten, denn ich verfüge über ge­nügend Zeit, wenn ich mit dem Hund gehe und mir vor­neh­me, über Ideen und Ge­danken nach­­zudenken, wenn ich ver­suche, nicht auf den Weg zu ach­ten, den ich mit dem Hund laufe, und mich abzu­schotten von allem Äußeren, das mit dem Weg zu tun hat, mich also ganz und gar auf das konzentriere, das mit dem Schrei­ben zu tun hat, mit den Vor­be­rei­tun­gen darauf, die mich, obwohl ab­­we­send, er­drü­cken, mir die Luft neh­men und mich lähmen auf dem Wege mit dem Hund.

Bei starkem Regen oder sehr schlechtem Wetter fällt der Gang am Fluß aus. Ich hüte dann die Wohnung, sitze vor dem Rech­ner, öffne eine leere Datei – nichts. Ich denke nach, überlege, der Hund an der Seite, schlafend, brummend, zu­wei­len bellend bei Geräuschen im Hausflur – nichts. Die leere Seite im Rech­­ner nimmt bedrohliche Formen an, ich tippe einen Satz, lösche ihn, tippe einen zweiten, lösche auch diesen, einen dritten und so fort. Oder suche nach Ab­wechs­lung im Netz, surfe ein wenig, bleibe irgendwo hän­gen, stelle irgend etwas fest, für Mi­nuten ge­lin­gt die Ablenkung. Doch die leere Seite kommt zu­rück, wie eine Mah­nung erscheint sie auf dem Schirm, erwartet Wör­­ter, Sätze, Ab­sät­ze …

Statt Wörter, Sätzen, Ab­sät­zen leere Seiten ohne Wörter, Sät­­­ze, Ab­sät­ze. Einerseits ein Zwang, ein Druck zu schrei­ben, und an­de­rerseits die Leere, die Datei oh­ne jeg­liche Wör­­­ter, Sätze, Ab­sät­ze. Natürlich ist mir bekannt, daß man nicht drauf­los schreibt, sondern Vorbe­rei­tun­gen trifft, Vor­über­le­gun­gen an­stellt, Pläne macht, Dreh­­bü­cher an­legt, so daß, im Grun­de ge­nommen, das Schrei­ben der letzte Akt eines lan­gen, sehr langen Prozesses ist, ein Zu­­sam­men­fas­sen, ein Re­sü­mie­ren, viel­fa­ches Abgleichen also. Ver­än­­de­rungen wird es da­­bei ge­ben, oh­ne Fra­­ge, ja, womöglich Über­ra­schendes und un­er­­wartete Wen­­­dun­­­gen, die mit dem Text zu tun ha­ben, mit den Sätzen, die häufig klüger sind als der Au­tor. Mit­hin ein ge­wal­tiger Prozeß, der dem Schreiben vor­­aus­geht, und durch blo­ßes Schrei­­ben nicht zu ersetzen ist. 

Auch nicht durch ein Schreiben, das ich komplex nen­ne, und das heißt Hin­­schreiben, Redigieren, erneutes Schrei­ben, wie­­­der kor­ri­­gie­ren bis irgendwann die Sätze ma­kel­los ste­hen, un­ver­rück­bar, nicht mehr zu verbessern. Offenbar sind die ge­dank­li­chen Vor­überle­gungen auch hier nicht ein­zu­holen, nicht zu er­setzen durch dieses endlose Überarbeiterei. Was hier ebenso fehl­te, ist der Un­terbau, das Funda­ment, und damit die Si­cher­heit, die sich aus dem grö­ße­ren Wis­sen er­gibt. Überhaupt, das größere Wis­sen! Ist es die Gewißheit, daß ein Wort nur an be­stimmter Stelle stehen darf, nur dort und anderswo nicht? Oder daß eine Per­son nur hier und nir­gends sonst auftreten, teil­neh­men und ihre Energie einbringen darf?

Ist dem so, dann ist jeder Zweifel ausgeschlossen. Selbst dieser klei­­­­ne Untext ist, da ihm alles fehlt, was für sein Gelingen un­ab­dingbar wäre, zum Scheitern verurteilt: die Vor­über­le­gun­gen, das größere Wissen, die traumähnliche Gewißheit auf der rich­tigen Spur zu schreiben. Entmutigt sehe ich jetzt zum Hund, der ne­ben dem Schreibtisch döst. Und ab und an hoch­blickt und freundlich we­delt dabei – und beginne, verzweifelt und glück­lich zugleich, mit dem Schreiben erneut.